Interview PIP Implantate

PIP Implantat Themen Interview des Gießener Anzeigers

Anita Faßbender, Fachanwältin für Medizinrecht im Gespräch

Wer haftet bei der Ent­fer­nung von Bil­lig-Brustim­plan­tat­en?  
Inter­view des Gießen­er Anzeiger zu PIP Brustim­plan­tate vom 14.01.2012

Frage:  
was muss eine betrof­fene Frau unternehmen, wenn sie sich nicht sich­er ist, ob sie auch ein PIP Implan­tat trägt.  
Antwort:  
Bei den Implan­tat­en han­delt sich um Medi­z­in­pro­duk­te, die mit einem Implan­tat-Pass verse­hen sind. Dort müsste die betrof­fene Frau nach­se­hen, ob es sich um ein Pro­dukt der franzö­sis­chen Fir­ma PIP oder des nieder­ländis­chen Unternehmens Rofil han­delt. Im Zweifel sollte sie sich an die Klinik wen­den, in der die Implan­tate einge­set­zt wur­den. Das Bun­desin­sti­tut für Arzneimit­tel und Medi­z­in­pro­duk­te (BfArM)hat die Kliniken ja bere­its aufge­fordert sich von sich aus mit evtl. betrof­fe­nen Frauen in Verbindung zu set­zen. So geschehen bere­its in kan­zlei­seits betreuten Fällen wegen sojage­füll­ter Implan­tate vor rund 10 Jahren. Es gibt aber immer noch kein zen­trales Register. 

Frage:  
Soll­ten denn die Implan­tate sofort ent­fer­nt wer­den.  
Antwort:  
Das BfArM hat zulet­zt eine Empfehlung auf Aus­tausch aus­ge­sprochen. In den Implan­tat­en befind­en sich Indus­triesi­likone und Schmier­stoffe, die nicht nur bei einem Riss aus­treten, son­dern auch durch die Hülle auss­chwitzen und dabei zu Entzün­dun­gen führen kön­nen. Evtl. beste­ht auch ein Ursachen­zusam­men­hang mit ein­er Kreb­serkrankung bei eini­gen Implantat-Trägerinnen . 

Frage:  
Welche rechtlichen Möglichkeit­en haben die betrof­fe­nen Frauen.  
Antwort:  
Wichtig ist auch hier zunächst die Beweis­sicherung, also Implan­tat­pass, alle son­sti­gen schriftlichen Unter­la­gen, Behand­lung­sun­ter­la­gen, Implan­tate und evtl. Gewebeschnitte müssen gesichert wer­den. Let­ztere wer­den nach einiger Zeit in der Patholo­gie ver­nichtet. Dies sollte man wissen. 

Frage:  
Wer übern­immt die Kosten für den Aus­tausch und gibt es einen Anspruch auf Schadenser­satz.  
Antwort:  
Die GKV übern­immt die Kosten, wenn es sich um eine medi­zinisch notwendi­ge Ver­sorgung gehan­delt hat wie nach ein­er Kreb­sop­er­a­tion . Bei rein kos­metis­chen Ein­grif­f­en hat die Kasse die Kosten zwar eben­falls zu tra­gen. Haben sich Ver­sicherte eine Krankheit durch eine medi­zinisch nicht indizierte kos­metis­chen Oper­a­tion zuge­zo­gen, hat die GKV aber gem. § 52 Abs. 2 SGB V den Ver­sicherten in angemessen­er Höhe an den Kosten zu beteili­gen. Es muss daher eine Einzelfall­prü­fung durchge­führt wer­den.  Grund­sät­zlich beste­ht gegenüber dem Insol­ven­zver­wal­ter der Fir­ma PIP ein Anspruch auf Schadenser­satz, Schmerzens­geld. Die Betrieb­shaftpflichtver­sicherung der Fa., die Allianz Ver­sicherung hat zwar selb­st bere­its die Ver­sicherungsverträge wegen arglistiger Täuschung ange­focht­en. Dies ist aber gerichtlich noch nicht entsch­ieden. Zu prüfen wären auch Ansprüche gegen den TÜV- Rhein­land, der die CE- Zer­ti­fizierung vorgenom­men hat. Auch hier läuft in Frankre­ich bere­its eine gerichtliche Prü­fung. Der Inhab­er der Fa. PIP soll aus­ge­sagt haben, er habe sowohl die Ver­sicherung als auch den TÜV-Rhein­land getäuscht, so dass evtl.weder der Ver­sicher­er noch der TÜV- Rhein­land haft­bar gemacht wer­den kön­nen. Zu denken ist noch bei rein kos­metis­chen Ein­grif­f­en an Ansprüche gegen den Oper­a­teur oder die Klinik. Bei medi­zinisch nicht notwendi­gen Ein­grif­f­en ist weitest­ge­hend aufzuk­lären. Hierzu gehört m. E. auch, dass z.B. diese Implan­tate deut­lich preiswert­er waren als mark­tüblich. Das hätte zu denken geben müssen. 

Frage:  
Müsste denn eine Pati­entin in Frankre­ich kla­gen.  
Antwort:  
Wenn das Implan­tat in Deutsch­land einge­set­zt wurde, ist nach Art 40 EGBGB der Ort der Ver­let­zung in Deutsch­land und die örtliche Zuständigkeit eines deutschen Gericht­es gegeben. Sie kann sich an einen hier zuge­lasse­nen Anwalt wen­den. Bei den Implan­tat­en, die in Tschechien und Polen z.B. einge­set­zt wur­den, muss im Einzel­nen geprüft wer­den, ob die deutsche Gerichts­barkeit begrün­det wer­den kann. Ein in Deutsch­land zuge­lassen­er Recht­san­walt kann dort nicht auftreten. Wir haben aber z.B. in unser­er Kan­zlei auch Fälle, in denen aus­ländis­che Recht­san­wälte mit sehr guten Deutschken­nt­nis­sen uns vor Ort vertreten und die Rechtss­chutzver­sicher­er die Kosten übernehmen. 

pdfAni­ta Faßben­der im Inter­view des Gießen­er Anzeiger 14.01.12
PIP Brustim­plan­tate Ent­fer­nung — wer haftet für die Kosten?  
Hier das Orig­i­nal Inter­view des Gießen­er Anzeiger vom 14.01.12 zum The­ma PIP Brustim­plan­tate Ent­fer­nung, wer haftet für die Kosten?, mit Recht­san­wältin Ani­ta Faßben­der, Fachan­wältin für Medi­z­in­recht, als Grafik­datei zum Down­load.
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